Der Ashtanga Marga – Das Yogasutra unter der Lupe Teil 1

Ashtanga Marga

In einem unserer letzten Beiträge ging es um Yoga als philosophisches System, welches als Ziel die Selbstverwirklichung, die (Selbst-)Erkenntnis, Samadhi hat. Ja, das klingt auf den ersten Blick ein wenig abstrakt, zeigt uns jedoch, dass Yoga keine abgehobene Philosophie, sondern eine praktische Lebenshilfe ist. T.K.V. Desikachar beschreibt die Yogapraxis als tägliche Auseinandersetzung mit unserem gewohnten Verhalten und unseren alltäglichen Handlungen.[1] Yoga ist also ein Weg, unser Leben zu gestalten, es derart zu verändern, dass wir letztendlich ausgeglichener und glücklicher sind.

In den nächsten Wochen schauen wir uns genauer an, wie Yoga uns hilft, ausgeglichener und zufriedener zu leben. Wir nehmen das Yogasutra unter die Lupe und schauen, was wir für unser Leben daraus gewinnen können. Heute geht es um die ersten fünf Glieder des Ashtanga Marga, dem achtgliedrigen Pfad des Yoga.

 

Yama – vom Umgang mit der Umwelt

Patanjali gibt uns im Yogasutra acht Stufen an die Hand, an denen wir uns orientieren können, um Schritt für Schritt in ein glückliches und ausgeglichenes Leben zu finden. Auf der ersten Stufe des Ashtanga Marga geht es darum, wie wir mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt umgehen. Diese fünf Regeln zum Umgang mit dem Außen nennen wir im Sanskrit Yamas. Sie sorgen für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen unserem Innen und dem Außen. Denn nur wenn wir mit dem Außen im Reinen sind, können wir unsere inneren Ziele konzentriert verfolgen. Patanjali bennent die Yamas wie folgt:

Ahimsa – Gewaltlosigkeit
Lebe gewaltfrei und sei dir bewusst über die Folgen, die dein Handeln haben kann.

Satya – Wahrhaftigkeit
Sei ehrlich und wahrhaftig, ohne andere Menschen zu verletzen.

Asteya – „Nicht-stehlen“
Stehle nicht und sei nicht neidisch auf das, was andere haben.

Brahmacarya – Enthaltsamkeit
Kontrolliere deine materiellen und körperlichen Bedürfnisse und übe dich auch einmal im verzichten.

Aparigraha – „Nicht-greifen“
Horte nicht, beziehungsweise, lebe nicht im Überfluss. Lasse dich von deinem Besitz oder dem Bedürfnis nach Besitz nicht leiten und nehme von anderen nur das an, was dir zusteht.

 

Niyama – vom Umgang mit uns selbst

Auf der zweiten Ebene des Ashtanga Marga geht es um den Umgang mit uns selbst, Nyama. Auch hier gibt es fünf Punkte, an denen wir uns orientieren können, um unsere inneren Ziele fokussiert verfolgen zu können.

Shauca – Reinlichkeit
Lebe reinlich und sei gut zu deinem Körper und deiner Seele. Verunreinige weder deinen Geist, deine Seele noch deinen Körper.

Samtosha – Genügsamkeit
Sei zufrieden mit dem, was du hast und sei dankbar dafür. Nehme dich selbst so an, wie du bist.

Tapas – stärkende Übungen
Tapas begegnen wir auf mehreren Ebenen. Zum einen sind kräftigende Übungen für den Körper gemeint, zum Beispiel das regelmäßige Praktizieren von Asanas. Zum anderen die Entwicklung von Willensstärke und Selbstdisziplin. Bleib dran, bemühe dich zu jeder Zeit auf deinem Weg zu bleiben, auch wenn es dir schwer fällt. Sei diszipliniert und mit Feuereifer bei der Sache.

Svadhyaya – Selbsterforschung
Reflektiere zu jeder Zeit, wo du gerade stehst, wer du gerade bist, beobachte dich selbst und gib dir Raum für geistige Veränderungen.

Ishvara-Pranidhana – Hingabe an eine höhere Quelle
Lass los und habe Vertrauen in die höhere Macht, das Göttliche. Vertraue darauf, dass du deinen Weg genauso gehst, wie du ihn gehen sollst und dass du zu jeder Zeit dein Bestes tust, um dein Ziel zu erreichen.

 

Zitat über Asanas von Iyengar

 

Asana – über die Haltung des Körpers

Erst auf der dritten Ebene des Ashtanga Marga begegnen wir dem, was wir oft leichthin als Yoga bezeichnen, den Asanas. Und so benennt Patanjali die dritte Stufe auch:

Asana

An dieser Stelle folgen aber nicht – wie vielleicht vermutet – die vielen verschiedenen Asanas, die wir heute kennen (B.K.S Iyengar beschreibt in seinem Werk Licht auf Yoga über 200 davon). Patanjali sagt lediglich wie die ideale Haltung während der Meditation auszusehen hat: Sie soll vor allem sthira, also stabil und sukha, fröhlich, beziehungsweise leicht, sein. Übertragen wir diesen Grundsatz auf unsere heutige Asanapraxis, gilt es einen starken Körper zu entwickeln, der die verschiedenen Asanas ausübt, ohne zu schmerzen oder zu verkrampfen. Gleichzeitig soll unser Geist fröhlich und leicht bleiben, wir sollen unsere Asanapraxis genießen können, auch wenn sie anstrengend ist und uns körperlich und geistig herausfordert. So schaffen wir unter anderem über das Praktizieren von Asanas die Voraussetzungen, um während einer längeren meditativen Sitzhaltung, entspannt, schmerzfrei und fokussiert zu bleiben.

 

Pranayama – über die Ausdehnung der Lebensenergie

Auf der vierten Stufe des Ashtanga Marga bleibt Patanjali auf der körperlichen Ebene. Es geht um unseren Atem, das Werkzeug, das uns am Leben hält.

Pranayama

Der Begriff bedeutet in etwa „Ausdehnung der Lebensenergie“. Prana ist die Lebenskraft, die uns alle gleichermaßen durchströmt und die wir über den Atem aufnehmen. Ohne Prana sind wir nicht lebensfähig. Ayama bedeutet strecken oder ausdehnen. Unser Atem kann uns eine gute Hilfe sein, unsere Gefühlslage und unsere körperliche Verfassung besser wahrzunehmen. Patanjali beschreibt unseren unbewussten Atem als unregelmäßig und rau. Konzentrieren wir uns darauf, den Atem gleichmäßig und lang zu gestalten, spüren wir meist schnell eine angenehme Veränderung in Geist und Körper. Wir können besser wahrnehmen, wie es uns geht und haben durch Pranayama ein überaus wirksames Mittel an der Hand, unser Befinden zu verbessern.

 Yoga Zitat von T.K.V. Desikachar

 

Der Ashtanga Marga ist keine Einbahnstraße

Wenn wir den Ashtanga Marga betrachten, ist eines von großer Bedeutung: Zwar werden seine acht Glieder auch als Stufen bezeichnet, was suggeriert, dass wir eine Stufe nach der anderen erklimmen müssen,um unser Zoel zu erreichen. Dem ist aber nicht so. Ralph Sukban bezeichnet Patanjalis Gebote zum Beispiel als die acht Elemente des Yoga[2]

Eine absolut treffende Bezeichnung. Sicherlich sollten wir nicht mit den wildesten Asanas und Pranayamas einsteigen, wir müssen die Messlatte gar nicht so hoch legen. Ein achtsamer Umgang mit unseren Mitmenschen und uns selbst kann ein guter erster Schritt sein. Uns selbst und unserem Körper etwas Gutes tun, uns gesünder ernähren, all das ist Yoga und bringt uns einen kleinen Schritt weiter auf dem Ashtanga Marga. Desikachar sagt, es gibt keine Einschränkungen, wie und wo wir unsere Praxis beginnen. Die Beschäftigung mit einem Aspekt des Yoga wird uns zu den anderen Aspekten leiten[3]. Wir können also zu jeder Zeit mit Yoga beginnen, genau dort, wo wir uns gerade befinden…

Wie lebt ihr Yoga im Alltag? Habt ihr eine tägliche Yogaroutine abseits eurer Matte? Was ist für euch yogisch und was nicht?

Wir freuen uns auf eure Kommentare…

Nächste Woche geht es um vier weitere Glieder des Ashtanga Marga: Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi.

 

Interessante Bücher zum Thema Ahtanga Marga

Für diesen Artikel habe ich folgende Quellen genutzt:

  • Patanjali: Das Yogasutra – Von der Erkenntnis zur Befreiung. Einführung, Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram
  • [1]T.K.V. Desikachar: Yoga – Tradition und Erfahrung
  • [2]Ralph Skuban: Patanjalis Yogasutra – Der Königsweg zu einem weisen Leben
  • [3]T.K.V. Desikachar: Yoga – Tradition und Erfahrung

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