Über die Kleshas oder warum wir leiden – Das Yogasutra unter der Lupe Teil 3

Kleshas

Wir alle streben nach einem glücklichen und erfüllten Leben. Doch warum fällt es uns oft schwer, dauerhaft glücklich und angstfrei zu leben? Im zweiten Kapitel des Yoga Sutra gibt uns Patanjali das Konzept der Kleshas an die Hand. Es erklärt wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, warum wir im Leben immer wieder in Schwierigkeiten geraten und wie wir diese Schwierigkeiten überwinden können.

Was sind Kleshas?

Der Begriff Kleshas bedeutet so viel wie „Qual, Plage, Schmerz, Leiden, Beschwerde oder Übel“. Kleshas sind unsere unbewussten, inneren Neigungen, die bestimmen wie wir als Subjekt denken und handeln. Wie wir denken und handeln wird maßgeblich durch das bestimmt, was wir in der Vergangenheit gelernt und erfahren haben. Kleshas bilden sich demnach aus unserer individuell erlebten Realität, unserem subjektiven Empfinden. Patanjali beschreibt insgesamt fünf Kleshas.

Zitat über die Kleshas

Avidya (Nicht-Verstehen, falsches inneres Urteil)

Desikachar bezeichnet Avidya als Schleier, der unsere Wahrnehmung trübt und kein klares Denken zulässt[1]. Avidya nimmt die reale Gegenwart vorweg und präsentiert uns stattdessen etwas aus dem Wissen, welches wir in der Vergangenheit erworben haben. Es verfälscht, wie wir Situationen oder Menschen wahrnehmen, wir beurteilen nicht mehr objektiv. Und wir identifizieren uns mit dieser falschen Wahrnehmung und halten sie für unsere eigene. Aus Avidya erwachsen die vier übrigen Kleshas.

Asmita (unser Ego)

Asmita resultiert aus der Verwechslung unseres unsterblichen Wesenskerns – Drasta – mit dem sterblichen und meinenden Selbst – Citta. Dies bedeutet, dass wir nicht mehr genau wissen, worüber wir (Selbst-) Bewusstsein anstreben. Asmita äußert sich in übertriebenem   “Stolz, Überheblichkeit, Egoismus, oder dem Gefühl der Minderwertigkeit”.

Raga (Anhaftung)

„Gier, Habenwollen, bzw. das Gefühl des Mangels oder des behalten-wollens“, das ist Raga. Raga entsteht zumeist durch angenehme Erfahrungen, die wir in Bezug auf ein Objekt, eine Situation oder einen Menschen gemacht haben und die wir behalten, bzw. wiederholen wollen.

Dvesa (Ablehnung)

Dvesa ist „Gleichgültigkeit,  Abneigung Geringschätzung oder sogar Hass“. Im Gegensatz zu Raga beruht Dvesa auf schlechten Erfahrungen in unserer Vergangenheit, die wir zukünftig vermeiden wollen.

Abhinivesa (eine zumeist unbegründete Angst, vor allem vor dem Tod)

Desikachar beschreibt Abinivesa als „das Gefühl von Unsicherheit und die Angst vor dem Alter“.[2] Wir zweifeln an unserer Stellung im Leben, haben Angst, von anderen Menschen beurteilt zu werden und sind stark verunsichert, wenn unsere bisherige Art zu leben gestört wird. Patanjali betont die fehlende Grundlage für Abhinivesa und erklärt, dass auch erfahrene Yogis und erleuchtete Menschen von Abhinivesa betroffen sind.

 

Auswirkungen der Kleshas

Wie bereits erwähnt, erwachsen Kleshas aus unseren Erinnerungen und Erfahrungen. Wir bilden uns eine Meinung zu bestimmten Objekten, Themen oder Menschen und entwickeln dementsprechend unbewusste Handlungsneigungen, die sogenannten Samskaras. Diese individuellen Samskaras bilden, oft unbewusst, die Grundlage für unsere Handeln im Leben. Und unsere Handlungen lösen, je nachdem ob sie auf Basis objektiver oder verzerrter Wahrnehmung beruhen, Glücks- oder Unglücksgefühle in uns aus. Und dauerhafte Unglücksgefühle führen zu LeidDhuka. Dhuka wiederum lässt die Kleshas in uns wachsen. Avidya und die übrigen Kleshas schicken uns somit in einen Kreislauf aus unbewussten Handlungen und daraus entstehendem Leid. Wir werden zu Gefangenen unserer verschleierten Wahrnehmung.

Zitat über die Kleshas aus dem Yogasutra

Wie können wir die Kleshas überwinden?

Irgendwann spüren wir, dass etwas mit uns nicht stimmt. Wir sind niedergeschlagen, unzufrieden, depressiv.  Wir wollen etwas verändern und nicht weiter leiden. Doch Leid völlig auszuschalten, ist schlichtweg unmöglich. Im ersten Schritt geht es darum, dass wir die Allgegenwärtigkeit von Leid anzuerkennen ohne zu resignieren. Wir streben weiterhin danach unser Leid zu mindern. Desikachar verweist in diesem Zusammenhang auf das Konzept von parinama-vada[3]: Alles unterliegt dem stetigen Wandel. In Bezug auf die Kleshas bedeutet dies, dass wir jederzeit in der Lage sind, unsere Situation zum Besseren zu wenden, also unser Leiden zu verringern. Keine Lage ist aussichtslos und kein Zustand muss von Dauer sein.

Erkennen, was uns negativ beeinflusst

Haben wir die dauerhafte Existenz von Leid akzeptiert und haben wir verstanden, dass Avidya unsere Wahrnehmung trübt, können wir beginnen, den Kleshas auf den Grund zu gehen. Ganz bewusst können wir versuchen, was wir fühlen und wie wir handeln in Bezug zueinander zu setzen. Wir distanzieren uns ganz bewusst von unseren Mustern um diese zu ergründen und zu analysieren. Auf diesem Weg können wir unser Reiz-Reaktionsschema erkennen und durchbrechen. Übrigens wendet auch die moderne Psychotherapie diesen Ansatz oft an: Negative Handlungsmuster freigelegen um sie zu verstehen und aufzulösen.

Entwicklungspotenzial erkennen

Wenn wir unsere Muster durchschauen, beginnen wir wahrzunehmen, dass unter dem Schleicher der Kleshas etwas in uns liegt, das Patanjali als Drasta oder Purusha bezeichnet. Den Wesenskern in uns, der das sehende Selbst ist und den Funken des Göttlichen in uns repräsentiert. Im Aufscheinen des göttlichen Funkens in uns erkennen wir unser Entwicklungspotenzial. Wir beginnen zu ahnen, was da in uns verborgen liegt und wie erstrebenswert es ist, Purusha von Avidya zu befreien.

Körper und Geist dauerhaft schulen

Um wirklich zu Purusha, unserem wahren Selbst zu gelangen und uns vollständig von Avidya zu befreien, bedarf es laut Patanjali jedoch weit mehr als dem Erkennen unserer Denk- und Handlungsmuster. Letztendlich können wir uns nur durch Samadhi, also durch vollkommene Selbsterkenntnis, ganz von Avidya befreien.

 

Und so schließt sich der Kreis. Wenn wir dem Ashtanga Marga folgen, achtsam mit uns selbst und anderen sind, den Blick auch einmal kritisch vom Außen ins Innen richten, dann beginnen wir eine spannende Reise. Diese Reise führt uns unweigerlich zu uns selbst, sie lässt uns freier und glücklicher werden. Obwohl das Yogasutra über 2000 Jahre alt ist, ist es heute von erstaunlicher Aktualität. In dieser schnelllebigen, digitalen Zeit ist es nicht immer leicht, bei sich zu bleiben, objektiv abzuwägen und sich nicht in Bedürfnisse und Abhängigkeiten zu verstricken. Das Yogasutra kann uns helfen, wieder mehr zu uns selbst zu finden und unser wahres Potenzial zu erkennen.

Wer von euch tiefer in die Materie des Yogasutra einsteigen möchte, dem empfehlen wir das Buch „Patanjalis Yogasutra – der Königsweg zu einem weisen Leben“ von Ralph Skuban.

 

 

Für diesen Beitrag habe ich folgende Quellen genutzt:

[1] Desikachar 2015: Yoga, Tradition und Erfahrung, S. 22

[2] Desikachar 2015: Yoga, Tradition und Erfahrung, S. 19

[3] Desikachar 2015: Yoga, Tradition und Erfahrung, S. 96

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